18/02/2025
Wer hat ihn nicht, DEN Tisch oder DAS Möbelstück das eine/n durchs ganze Leben begleitet!
̈chentisch
Es gibt Dinge, die begleiten uns über Jahrzehnte. Diesen Lieblingsstücken machen wir im Newsletter »Gut getestet« eine kleine Liebeserklärung. Dieses Mal: Wolfgang Luef über den Tisch.
»Ich weiß nicht mehr, wieso ich mir ausgerechnet diesen Tisch ausgesucht habe: ein Meter mal zwei Meter, Vollholz, Kiefer gebeizt. Passt nicht wirklich zu einem 18-Jährigen. Viel zu groß und massiv für ein WG-Wohnzimmer. Und dazu sechs Stühle – ganz schön optimistisch. Fast jeder erinnert sich noch an seinen ersten Ausflug zu Ikea, als die erste Wohnung eingerichtet werden sollte. Dieser Tisch hatte es mir damals angetan.
Allein die Tischplatte war so schwer, dass wir sie zu viert in den Miet-Anhänger hieven mussten. Und dann noch diese massiven, klotzartigen Beine. Wie froh waren wir, dass unsere Wohnung im Erdgeschoss lag. Beim Einzug haben wir eine Kerbe in die Tischplatte geschlagen. Ich sehe sie gerade vor mir, 25 Jahre später, während ich diesen Text schreibe.
Der Tisch stand erst in Wien, in meiner ersten WG. Später in München in der ersten gemeinsamen Wohnung mit meiner damaligen Freundin. Dann in der ersten Wohnung mit meiner späteren Frau. Als im Wohnzimmer auch noch ein Babybett Platz finden sollte und vorübergehend ein kleinerer Esstisch hermusste, wartete er – zerlegt in seine Einzelteile – hinter dem Schlafzimmerschrank geduldig auf seinen nächsten Einsatz. Drei Jahre stand er in Madrid und jetzt in unserer Wohnung außerhalb Münchens. Unsere Kinder kennen nur diesen Tisch in ihrem Zuhause. Und wenn es nach mir geht, soll das noch ganz lange so bleiben.
Denn so sehr ich den Tisch mag, so entspannt kann ich dabei zusehen, wie er von ihnen malträtiert wird. Ich bin nicht mäkelig mit diesem Tisch. Mindestens zwei, manchmal viel mehr Kinder kleckern ihn täglich voll, malen ihn an, klopfen und kratzen mit Messern und Gabeln auf ihm herum. Löffeln Suppe auf die Tischplatte und rufen ›Ammersee!‹. Erklimmen ihn wie den Mount Everest. Bauen sich eine Höhle unter ihm. Versuchen, ihn durchs Wohnzimmer zu schieben (geht nicht, siehe oben). Sollen sie ruhig. Diesen Tisch kriegt keiner kaputt. Jede Kerbe, jeder Cut, jeder Kratzer erzählt eine weitere Geschichte vom Leben, das auf ihm und um ihn herum stattfindet.
Gerade sind wir auf der Suche nach einem Haus mit Garten. Wo das genau stehen wird, wie groß der Garten sein wird, ob es einen Keller haben oder ein Marder unterm Dach hausen wird – ich weiß es nicht. Aber ich weiß, wer – umringt von sechs Stühlen – in der Mitte des größten Zimmers stehen wird.«
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