Die Raumakten

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Die Raumakten Die Raumakten. Wahre Fälle. Echtes Wissen zu Räumen, Feng Shui und Raumplanung. Klar, verständlich und ohne Esoterik.

„Als Malermeisterin und Feng-Shui-Expertin habe ich meine Leidenschaft für Farben und Handwerk schon früh entdeckt. Es war mir immer wichtig, Räume nicht nur ästhetisch, sondern auch energetisch in Einklang zu bringen. Als ich merkte, dass es kein adäquates Hilfsmittel in Form einer Farbkarte gab, das die Prinzipien des Feng Shui berücksichtigt, entschloss ich mich, selbst aktiv zu werden. 2016 habe ich die apprico® COLOURS entwickelt – eine einzigartige Farbpalette, die es jedem ermöglicht, die 5 Elemente Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser in Balance zu bringen. Meine Arbeit vereint traditionelle Handwerkstechniken mit den Prinzipien der asiatischen Harmonielehre. So entstehen individuelle, harmonische Lebensräume, die weit über das Oberflächliche hinausgehen. Ich bin überzeugt, dass Farbe eines der mächtigsten Gestaltungsmittel ist, um Wohlbefinden und Harmonie zu fördern – und das möchte ich auch anderen zugänglich machen, unabhängig von ihrer Feng-Shui-Erfahrung.

20/10/2026
Raumakte Nr. 12KANADA MUSS WARTEN„Und hier darf ich parken?“Anna Falk kurbelte das Autofenster herunter. Eine Frau winkt...
19/10/2026

Raumakte Nr. 12

KANADA MUSS WARTEN

„Und hier darf ich parken?“

Anna Falk kurbelte das Autofenster herunter. Eine Frau winkte ihr vom Bürogebäude aus zu. „Neben dem weißen Transporter ist noch Platz.“

Anna stellte den Wagen ab, nahm ihre Ledertasche und sah sich um. Zwischen Lieferwagen und Anhängern gab es keine gekennzeichneten Kundenparkplätze. Über dem Eingang stand „Unger Fenster, Türen und Sonnenschutz“. Darunter las sie: „Inhaber Walter Unger“.

„Bettina Unger“, stellte sich die Frau vor. „Schön, dass Sie da sind.“

„Ist Walter Unger Ihr Vater?“ „Ja.“ „Ich dachte, Sie hätten die Firma vor vier Jahren übernommen?“ „Habe ich. Vollständig.“

Anna zeigte auf das Schild. „Dann haben wir schon einen Punkt für unsere Liste.“ Bettina folgte ihrem Blick. „Stimmt. Das steht da immer noch.“

Auf den Firmenfahrzeugen ebenfalls, wie Anna bereits gesehen hatte. Auch die Wegführung machte es Besuchern nicht leicht: Wer zum ersten Mal kam, musste zwischen Werkstattzufahrt und Ausstellungseingang selbst entscheiden.

Bettina wollte längst etwas ändern, doch bei jedem neuen Auftrag rückte die Modernisierung wieder nach hinten.

Drinnen führte Bettina sie zuerst durch die Ausstellung. Ein Haustürmodell stand gleich hinter dem Eingang, daneben lehnten Fensterprofile. Regale voller Beschläge, Farbmuster und Prospekte wechselten sich mit Musterständern ab. Es gab vieles zu sehen, aber keine erkennbare Ordnung.

„Mein Vater hat das einmal eingerichtet“, erklärte Bettina. „Danach kam immer wieder etwas dazu.“ „Und wenn ein Kunde hereinkommt, wo beginnt seine Beratung?“
Bettina zeigte auf einen runden Tisch mit vier Stühlen.

Zwei standen mit dem Rücken zu einem Durchgang. Gerade als Anna sich setzte, ging ein Mitarbeiter hinter ihr vorbei.
„Nicht gerade ein ruhiger Platz für eine größere Entscheidung“, bemerkte Anna. „Deshalb möchte ich ja alles neu machen.“

Die Firma bestand seit fünfzig Jahren. Bettinas Großvater hatte eine kleine Schlosserei gegründet, ihr Vater daraus einen erfolgreichen Handwerksbetrieb entwickelt. In der Werkstatt zeigten vergraute Wände und alte Befestigungslöcher die Spuren jahrzehntelanger Arbeit. Im Sozialraum standen abgenutzte Tische, unterschiedliche Stühle und eine betagte Küchenzeile. Auch Toiletten und Duschen waren überholt.

„Neue Möbel, eine richtige Küche, neue Sanitäranlagen“, zählte Bettina auf. „Und die Werkstatt soll komplett gestrichen werden.“
„Gut“, sagte Anna. „Ihre Mitarbeiter sollen schließlich auch etwas von der Modernisierung haben.“

„Mein Vater hat immer zuerst in Maschinen investiert“, sagte Bettina. „Das war ja auch nötig. Aber die Aufenthaltsräume wurden jedes Jahr ein bisschen weiter verschoben.“
„Dann wird es Zeit, dass auch diese Räume wieder zu dem Betrieb passen, den Sie heute führen.“

In den Büros blieb Anna einen Augenblick stehen. Vorne gab es zwei Schreibtische: links den der Mutter, rechts Bettinas Platz. Durch eine offene Tür sah sie zwei weitere Arbeitsplätze. Einer stand geschützt in der hinteren rechten Ecke. Am anderen, direkt vor dem Fenster, saß ein Mann mit dem Rücken zum Eingang.

„Mein Mann Jochen“, sagte Bettina. „Er ist vor vier Jahren mit eingestiegen.“ Jochen, 41, begrüßte Anna. Er hatte zuvor im Vertrieb gearbeitet und kümmerte sich jetzt um den kaufmännischen Bereich.

„Wem gehört der Schreibtisch in der Ecke?“, fragte Anna. „Meinem Vater. Er und meine Mutter kommen jeden Vormittag.“ Anna betrachtete die Anordnung. Walter hatte eine feste Wand im Rücken, überblickte sein Büro und sah dessen Tür. Ein ausgezeichnet gewählter Chefplatz.

Jochen dagegen saß ungeschützt in der geraden Linie vom Eingang durch die Büroräume. Bettina, die Eigentümerin, arbeitete vorne wie eine Sekretärin.

Anna setzte sich mit den beiden zusammen. „Wie läuft es seit der Übergabe?“ „Eigentlich gut“, antwortete Bettina. Jochen zog die Augenbrauen hoch. „Eigentlich?“, fragte Anna nach.

Bettina seufzte. „Wenn mein Vater da ist, gehen die Mitarbeiter mit ihren Fragen zu ihm. Manchmal direkt an mir vorbei. Er entscheidet dann auch.“

„Obwohl die Firma Ihnen gehört?“ „Ja. Viele kennen mich, seit ich ein kleines Mädchen war. Vielleicht sehen sie immer noch die Tochter vom Chef.“ „Sollten Sie den Betrieb denn von Anfang an übernehmen?“ „Nein. Mein älterer Bruder sollte das machen. Er ist vor zwölf Jahren bei einem Autounfall gestorben, mit dreißig.“

Bettina schwieg kurz. Dann erzählte sie von ihrem BWL-Studium. Geplant war, später den kaufmännischen Bereich ihres Bruders zu übernehmen. Nach dessen Tod hatte sie zusätzlich eine verkürzte Ausbildung zur Metallbauerin absolviert und sechs Jahre im Familienbetrieb gearbeitet, bevor die Eltern ihr die Firma übergaben.

„Mein Vater ist stolz auf mich. Er meint es wirklich gut.“ „Das glaube ich“, sagte Anna und wandte sich an Jochen. „Und Sie?“

Er sah Bettina an. Sie nickte.

„Ich habe meine Stelle aufgegeben, weil wir gemeinsam etwas aufbauen wollten. Wir haben Ideen für Produkte, Vertrieb und die Ausstellung. Aber immer wieder läuft alles wie früher.“

„Verstehen Sie sich mit Ihrem Schwiegervater nicht?“ „Doch, sogar sehr gut. Nur mit dieser Situation nicht.“ Jochen schwieg einen Moment. „Ich sehe mich schon nach einem anderen Job um.“

Bettina senkte den Blick.

Anna ließ die Stille zu. Dann sagte sie: „Bevor Sie das entscheiden, möchte ich Ihnen etwas auf dem Grundriss zeigen. Am besten gemeinsam mit Ihren Eltern.“ Eine Woche später lagen zwei Zeichnungen auf dem Tisch: die bisherige Raumaufteilung und Annas Entwurf.

„Herr Unger“, begann Anna, „Sie haben einen hervorragenden Arbeitsplatz.“ Walter, 69, lächelte. „Das sage ich schon lange.“ „Die Wand schützt Ihren Rücken, Sie überblicken das Büro und haben die Bürotür im Blick. Hier sitzt man ruhig und sicher und hat das Gefühl, den ganzen Betrieb führen zu können. Einen solchen Chefplatz findet man nicht oft.“ „Na also!“

Anna zeigte auf Bettinas Schreibtisch. „Nur gehört die Firma seit vier Jahren Ihrer Tochter. Warum sitzt sie noch immer im Vorzimmer?“ Walter sah auf den Plan. „Das war eben immer so.“ „Bei der Übergabe haben Sie sicher alles geregelt: Verträge, Steuern, Finanzierung, vielleicht Darlehen und den Kaufpreis. Aber haben Sie auch über die Räume gesprochen?“

„Nein. Wozu?“

„Weil sie noch immer zeigen, dass Sie der Chef sind. Ihr Name steht als Inhaber auf der Fassade und den Fahrzeugen. Die Mitarbeiter gehen an Bettina vorbei zu Ihrem alten Platz. Sie fragen Sie, und Sie entscheiden. Wie soll Ihre Tochter da als Chefin wahrgenommen werden?“

Walter schwieg. Seine Frau, 65, sah ihn an. „Das versuche ich dir doch schon lange zu sagen.“ „Ich will ihr doch nur helfen“, entgegnete er. „Das glaube ich Ihnen“, sagte Anna. „Sie haben die Firma von Ihrem Vater übernommen und fast vierzig Jahre geführt. Sie können stolz darauf sein. Aber Bettina hat sich auf ihre Aufgabe vorbereitet. Jetzt muss sie sie auch ausfüllen können.“

Sie legte den zweiten Plan darüber. „Bettina bekommt Ihren Platz. Wir verschieben die leichte Trennwand und vergrößern das Chefbüro. Jochen sitzt künftig gleichberechtigt und ebenfalls geschützt, nicht mehr mit dem Rücken zur Tür im direkten Qi-Durchschuss. Vorne entstehen ein Empfang mit einer neuen Sekretärin und ein eigener Besprechungsraum.“

Walter tippte auf den Plan. „Und wo arbeiten meine Frau und ich?“ „Vielleicht ist das eine gute Gelegenheit, darüber nachzudenken, was Sie außerhalb der Firma noch vorhaben.“
Seine Frau lachte. „Seit Jahren wollen wir mit dem Wohnmobil durch Kanada. Immer haben wir es verschoben.“ „Weil in der Firma immer etwas war“, sagte Walter.

„Und heute?“, fragte Anna.

Walter blickte zu seiner Tochter. „Eigentlich sollte sie das inzwischen alleine können.“
„Mit Jochen“, sagte Bettina. „Mit Jochen“, bestätigte Walter. Er betrachtete seinen alten Schreibtisch auf dem Plan. „Ich habe dir die Firma gegeben, Bettina. Aber meinen Platz habe ich behalten. Das ändern wir.“

In den folgenden Monaten gestalteten Anna und ihr Team den gesamten Betrieb neu. Die Büros erhielten ihre neue Aufteilung, vorne wurde eine Sekretärin eingestellt. In der Ausstellung ersetzten klare Produktbereiche das Durcheinander; ausgewählte Muster und ein Bildschirm unterstützten die Beratung. Der Tisch bekam einen geschützten Standort.

Leonie Hartmann fertigte Empfangstheke und Einbauten. Mara Stein entwickelte das Farbkonzept und übernahm mit ihrem Team die Malerarbeiten bis in die Werkstatt. Der Sozialraum erhielt eine neue Küche und neue Möbel, Toiletten und Duschen wurden saniert.

Draußen bekamen Fassade, Zufahrt, Besucherparkplätze und Beschilderung eine klare Gestaltung. Der alte Inhaberzusatz verschwand auch von den Firmenfahrzeugen.

Einige Monate später kam Anna erneut auf den Hof. Diesmal fand sie sofort einen Besucherparkplatz. Auf ihrer Einladung stand: „50 Jahre Firma Unger. Neueröffnung und Verabschiedung unserer Seniorchefs.“

In der Ausstellung unterhielten sich Mitarbeiter, Kunden und Geschäftspartner. Jochen begrüßte Anna am Eingang.

„Und?“, fragte sie. „Ich habe meine Stellensuche aufgegeben“, sagte er grinsend.

Später erhob Bettina vor allen Gästen das Wort. „Mein Großvater hat als Schlosser angefangen, mein Vater die Firma aufgebaut, wie wir sie kennen. Und meine Mutter hat jahrzehntelang dafür gesorgt, dass im Büro alles läuft. Dafür danken wir Euch. Heute verabschieden wir Euch offiziell in den Ruhestand.“

Walter trat nach vorne. „Ich habe etwas länger gebraucht, um zu begreifen, dass Bettina mich hier nicht mehr braucht. Aber ich sehe heute: Bei ihr und Jochen ist die Firma in guten Händen.“ Die Mitarbeiter applaudierten. Auch einige ältere Kollegen, die Walter noch aus der Zeit der kleinen Schlosserei kannten, standen auf.

Bettina umarmte ihren Vater. Er hatte ihre Entscheidungen zuvor oft ungewollt übergangen. Jetzt hatte er vor der gesamten Belegschaft ausgesprochen, wer die Firma führte.

Jochen reichte den Eltern einen Umschlag. „Ein Geschenk von uns und den Mitarbeitern. Drei Wochen Kanada, mit dem Wohnmobil.“ „Das ist nicht Euer Ernst!“, rief Walters Frau. „Doch“, sagte Bettina. „Diesmal wird nicht verschoben.“

Walter schmunzelte. „Und wer kümmert sich in der Zeit um die Firma?“ „Papa, das kriegen wir inzwischen alleine hin.“

Anna sah sich um. Der Betrieb hatte ein neues Gesicht, und die Menschen darin hatten ihre Plätze gefunden. Walter musste nicht mehr täglich hier sein, um zu wissen, dass sein Lebenswerk weiterging.

DIE RAUMAKTE IN KÜRZE

Das Problem:
Bettina Unger hat den Familienbetrieb vor vier Jahren vollständig übernommen. Doch ihr Vater sitzt weiterhin auf dem Chefplatz und die Mitarbeiter wenden sich mit ihren Fragen und Entscheidungen noch immer an ihn. Bettina wird nicht ausreichend als Chefin wahrgenommen. Ihr Mann Jochen ist so frustriert, dass er bereits nach einer anderen Arbeitsstelle sucht. Auch Ausstellung, Büros, Sozialräume und Außenauftritt entsprechen nicht mehr den Anforderungen des Unternehmens.

Die Ursache:
Bei der Unternehmensübergabe wurden alle rechtlichen und finanziellen Fragen geklärt, die räumlichen Strukturen jedoch vergessen. Bettina sitzt weiterhin im Vorzimmer, während ihr Vater den geschützten Chefplatz besetzt. Jochen arbeitet mit dem Rücken zur Tür im direkten Qi-Durchschuss. Selbst auf der Fassade und den Firmenfahrzeugen steht noch der Vater als Inhaber. Die alte Unternehmensführung ist überall präsent.

Die Lösung:
Anna entwickelt ein Gesamtkonzept für den Betrieb. Bettina übernimmt den bisherigen Chefplatz ihres Vaters, Jochen erhält einen gleichwertigen, geschützten Arbeitsplatz. Ein neuer Empfang mit Sekretariat und ein separater Besprechungsraum entstehen. Die Ausstellung wird neu strukturiert, Werkstatt und Sozialräume werden modernisiert, Toiletten und Duschen saniert. Auch Fassade, Beschilderung, Parkplätze und Firmenfahrzeuge werden an die neue Unternehmensführung angepasst.

Das Ergebnis:
Bettina und Jochen können den Betrieb endlich gemeinsam nach ihren Vorstellungen führen. Jochen gibt seine Stellensuche auf. Walter erkennt, dass er seiner Tochter nicht nur das Unternehmen, sondern auch die Verantwortung im Alltag überlassen muss. Gemeinsam mit seiner Frau verabschiedet er sich in den Ruhestand. Bei der Feier zum 50-jährigen Firmenjubiläum wird schließlich auch die lang ersehnte Kanadareise Wirklichkeit.

Raumakte No. 12. Morgen
18/10/2026

Raumakte No. 12. Morgen

SO VIEL FEUER AUF EINER WAND SIEHT MAN AUCH NICHT ALLE TAGEDie große rote Ledercouch war schon für sich eine Ansage. Rot...
16/10/2026

SO VIEL FEUER AUF EINER WAND SIEHT MAN AUCH NICHT ALLE TAGE

Die große rote Ledercouch war schon für sich eine Ansage. Rot gehört im Feng Shui zum Element Feuer. Leder ebenfalls. Damit brachte das Sofa das Feuerelement gleich doppelt mit.

Und dann diese roten Dreiecke direkt dahinter.

Wieder Rot. Wieder Feuer. Und auch die Dreiecksform selbst gehört mit ihren Spitzen zum Feuerelement.

Da kam also einiges zusammen.

Und genau darum geht es bei den fünf Elementen immer wieder: Nicht ein einzelnes Möbelstück entscheidet über die Wirkung eines Raumes. Entscheidend ist, was sich miteinander verbindet und wie oft ein Element wiederholt wird.

Ein rotes Sofa allein kann wunderbar funktionieren. Ein Ledersofa ebenso. Auch Dreiecke an einer Wand sind zunächst einfach Gestaltung.

Aber Rot auf Leder vor roten Dreiecken mit Beleuchtung verstärkt sich gegenseitig.

Feuer steht im Kreislauf der fünf Elemente für das stärkste Yang und wird dem Süden zugeordnet. Das Gegenstück ist Wasser als stärkstes Yin im Norden.

Und Rot macht sich auch ganz ohne Feng Shui bemerkbar. Kräftiges Rot springt sofort ins Auge und wirkt anregend. Bei manchen Menschen kann es sogar Herzschlag und Blutdruck kurzfristig erhöhen.

In Rolfs Wohnzimmer war deshalb sehr viel Aktivität, Präsenz und Spannung im Raum. Für einen Abend mit Freunden, Fußball oder Motorradrennen passte das wahrscheinlich sogar ziemlich gut.

Für Ruhe, Rückzug und Ausgleich war diese Ecke eher nicht zuständig.
So viel geballtes Feuer hatte Anna in einem privaten Wohnzimmer bis dahin tatsächlich noch nicht gesehen.

Und das Spannende daran: Rolf hatte das nicht nach Feng-Shui-Regeln eingerichtet. Er hatte einfach ganz instinktiv genau die Farben, Formen und Materialien gewählt, die zu seinem sehr aktiven und klar männlich geprägten Zuhause passten.

Das ist übrigens einer der Gründe, warum Anna Räume nie nur nach Farben beurteilt. Farbe, Form, Material und Nutzung gehören immer zusammen.

RAUMAKTE NR. 11DIE MÄNNERWOHNUNGSilvia hatte Anna bei einem Vortrag kennengelernt und einige Zeit später angerufen. Sie ...
12/10/2026

RAUMAKTE NR. 11

DIE MÄNNERWOHNUNG

Silvia hatte Anna bei einem Vortrag kennengelernt und einige Zeit später angerufen. Sie war gerade dabei, eine neue Wohnung einzurichten und wollte die Räume von Anfang an vernünftig gestalten. Farben, Materialien, Möbel, Licht und Nutzung sollten zusammenpassen. Anna übernahm den Auftrag und lernte Silvia im Laufe der Planung ziemlich gut kennen.

Irgendwann kamen sie beim Schlafzimmer an. Silvia wollte dort unbedingt einen sehr großen Spiegel über dem Bett.

„Über dem Bett?“, fragte Anna.

„Ja. Den möchte er unbedingt.“

Damit kam Rolf ins Spiel.

Rolf war Geschäftsmann, handelte erfolgreich mit Autos und Motorrädern und war Silvias Geliebter. Allerdings nicht ausschließlich ihrer. Es gab noch eine zweite Frau. Silvia wusste davon. Begeistert war sie nicht, aber Rolf hatte offenbar nie behauptet, dass es nur sie gab.

Und Rolf mochte es beim Liebesspiel, sich dabei beobachten zu können.

Deshalb der Spiegel.

Für Anna war ein riesiger Spiegel direkt über dem Bett allerdings alles andere als ideal. Im Feng Shui ist eine solche große spiegelnde Fläche im Schlafbereich ausgesprochen kontraproduktiv. Ein Schlafzimmer soll Ruhe und Rückzug unterstützen. Ein Spiegel bringt zusätzliche Aktivität hinein und reflektiert jede Bewegung.

Silvia wollte trotzdem nicht darauf verzichten.

Also schlug Anna einen Stoffrollo vor, der vor dem Spiegel angebracht wurde. Wenn der Spiegel gebraucht wurde, konnte Silvia den Stoff hochziehen. Danach kam er wieder herunter und die große Spiegelfläche verschwand.

Ein ziemlich praktischer Kompromiss zwischen Feng Shui und Verwendungszweck. Und dieser Verwendungszweck spielte in diesem Schlafzimmer offensichtlich eine gewisse Rolle.u

Überhaupt wurde der Raum weniger für acht Stunden ungestörten Schlaf geplant als für andere Aktivitäten. Dafür sollte genügend Platz sein und auch die entsprechende Ausstattung fehlte nicht. Anna wurde während der Planung des Schlafzimmers zunehmend klar, dass Silvia Rolf etwas bieten wollte. Vielleicht auch etwas, das die andere Frau nicht bot. Sie wollte offenbar diejenige sein, zu der er besonders gern kam.

Als die Wohnung fertig war, war Silvia ausgesprochen zufrieden. Einige Zeit später meldete sie sich wieder. Sie hatte eine neue Idee.

Anna könne doch auch einmal Rolfs Wohnung anschauen. Sie würde ihm die Erstberatung schenken und selbstverständlich bezahlen. Und wenn daraus anschließend eine komplette Gestaltung seiner Wohnung entstehen würde, umso besser.

Rolf war einverstanden. Silvia wollte unbedingt mitkommen. Also trafen sich die drei vor seiner Wohnungstür. Rolf war sympathisch, selbstbewusst, gut aussehend und jemand, der offensichtlich Spaß am Flirten hatte. Auch bei Anna machte er da keine große Ausnahme. Nicht unangenehm, eher routiniert.

Dann betraten sie die Diele. Dort stand eine Harley. Nicht draußen vor dem Haus. Nicht in der Garage. Nicht als Bild an der Wand.

Eine echte Harley. Mitten im Eingangsbereich.

Und weil sie dort offenbar nicht einfach nur stehen sollte, hatte Rolf gleich noch eine Bar dazugebaut. „Wenn wir hier durch sind, trinken wir erst einmal noch etwas, bevor Sie wieder fahren“, sagte er zu Anna und grinste. „Na, dann schauen wir mal, ob Sie sich den Drink bis dahin noch verdienen.“ Anna sah sich um. Bei manchen Häusern braucht man erst einen Grundriss, ein ausführliches Gespräch und ein paar Stunden Zeit, um zu verstehen, wer dort lebt.

Hier reichten ungefähr fünf Sekunden: Willkommen bei Rolf.

Was allerdings überhaupt nicht zum üblichen Klischee einer Junggesellenwohnung passte: Es war ausgesprochen sauber. Keine herumliegenden Klamotten, kein Geschirr, kein Werkzeug, keine halbvolle Kaffeetasse vom Morgen. Alles war ordentlich und gepflegt. Rolf hatte sein Leben offenbar ziemlich gut organisiert. Die Küche war funktional und eher unauffällig.

Das Wohnzimmer setzte die Begrüßung aus der Diele dagegen konsequent fort. Eine große rote Ledercouch, ein wirklich großer Fernseher und eine Einrichtung, bei der man sich sofort vorstellen konnte, wie dort mehrere Männer saßen, Fußball schauten oder Motorradrennen verfolgten.

Über der Couch hatte Rolf rote Dreiecke an die Wand malen lassen. Anna betrachtete sie etwas länger.

Rot gehört im Feng Shui zum Element Feuer. Die Dreiecksform ebenfalls. Feuer steht innerhalb der fünf Elemente für die stärkste Yang-Energie. Aktivität, Bewegung, Sichtbarkeit und Dynamik. Davon gab es in diesem Wohnzimmer reichlich.

Natürlich lässt sich ein Mensch nicht anhand einiger roter Dreiecke analysieren. Aber wenn bereits in der Diele eine Harley samt Bar steht, im Wohnzimmer eine rote Ledercouch auf einen riesigen Fernseher blickt und darüber rote Dreiecke an der Wand sitzen, darf man zumindest feststellen: Dieser Mann hatte keine Angst vor zuviel Yang.

Und ganz offensichtlich gefiel ihm sein Zuhause genau so.

Die drei gingen weiter durch die Wohnung. Im Schlafzimmer wurde es auf eine ganz andere Art interessant. Dort stand ein 1,40 Meter breites Bett. Daneben ein Nachttisch. Einer!
Keine zweite Ablage. Keine zweite Leuchte. Keine zweite Seite, die irgendwie nach jemand anderem aussah.

Natürlich kann man auch zu zweit in einem 1,40 Meter breiten Bett schlafen. Aber dieser Raum vermittelte nicht gerade den Eindruck, dass Rolf schon einmal vorsorglich Platz für eine Partnerin geschaffen hatte. Nebenan lag sein Ankleidezimmer. Und das war richtig gut. Großzügig, hochwertig, ordentlich geplant. Schränke, Ablagen, alles hatte seinen Platz. Seine Hemden, seine Hosen, seine Jacken, seine Schuhe. Seine Sachen.

Von Silvia war nichts zu sehen. Von der anderen Frau ebenfalls nicht. Kein Kleid, kein Schal, keine Schublade, kein Fach, bei dem man hätte vermuten können, dass es jemand anderem gehörte. Anna sagte zunächst gar nichts dazu. Sie musste es auch nicht.
Diese Wohnung war erstaunlich deutlich. Je länger sie hindurchging, desto klarer wurde etwas: Hier fehlte nichts.

Das war der entscheidende Punkt.

Es war nicht so, dass Rolf eine Beziehung wollte und seine Wohnung noch nicht dazu passte. Es wirkte auch nicht so, als hätte er vergessen, eine zweite Person mitzudenken. Die Räume wirkten vollständig.

Für genau einen Menschen: Rolf.

Seine Freunde hatten ihren Platz. Seine Motorräder sowieso. Seine Kleidung hatte mehr als genug Platz und sein Leben funktionierte offensichtlich ganz hervorragend. Nur eine Partnerin war räumlich nicht vorgesehen. Und vermutlich war das kein Versehen.

Silvia ging währenddessen mit und hörte Anna zu.

Ob sie dieselben Dinge sah, wusste Anna nicht. Vielleicht hoffte sie darauf, dass Anna später Empfehlungen geben würde: ein größeres Bett, zwei Nachttische, etwas mehr Yin, vielleicht Veränderungen, die diese Wohnung ein wenig stärker auf Zweisamkeit ausrichten würden.

Nur hatte Rolf selbst überhaupt kein Problem formuliert. Er hatte nicht gesagt, dass ihm etwas fehlte. Er hatte auch nicht gesagt, dass er gern mit jemandem zusammenleben würde.

Seine Wohnung passte ziemlich exakt zu dem Leben, das er führte.

Der letzte Raum war das Badezimmer. Es war tatsächlich der einzige Bereich, der noch nicht renoviert worden war. Siebzigerjahrefliesen, ältere Sanitärobjekte, alles ein bisschen in die Jahre gekommen. Rolf erzählte, dass dieser Raum als Nächstes zum Umbau anstehen sollte.

Anna sah sich um. Auch hier blieb die Linie konsequent. Eine Zahnbürste. Ein Handtuch. Ein Mann.

Man hätte die Besichtigung an dieser Stelle eigentlich ganz friedlich beenden und anschließend über die komplette Planung der Wohnung sprechen können.

Dann entdeckte Silvia den Lippenstift. Er lag auf einer Ablage unterhalb des Spiegels, ein wenig versteckt. Anna hätte ihn vermutlich gar nicht weiter beachtet.

Silvia schon.

Sie nahm ihn in die Hand. „Der ist nicht von mir.“ Rolf sah sie an.
„Silvia, jetzt fang nicht an.“ „Du hast gesagt, hier schläft keine andere Frau.“

Damit war der ruhige Teil der Beratung beendet.

Innerhalb weniger Sekunden änderte sich die gesamte Stimmung. Was machte dann der Lippenstift der anderen Frau in seinem Badezimmer? Seit wann lag der dort? Wann war sie hier gewesen? Und überhaupt, was lief hier eigentlich?

Rolf antwortete. Silvia wurde lauter. Rolf ebenfalls.

Und aus einer Wohnberatung entwickelte sich in erstaunlicher Geschwindigkeit eine Auseinandersetzung, bei der Anna Dinge über Rolfs Liebesleben erfuhr, die für die weitere Planung seiner Wohnung nun wirklich nicht erforderlich waren.

Der Lippenstift war inzwischen längst nur noch der Auslöser. Silvia war auf hundertachtzig, Rolf stand ihr in nichts nach und beide warfen sich gegenseitig Dinge an den Kopf, bei denen Anna irgendwann zu dem Schluss kam, dass ihre fachliche Kompetenz hier gerade an ihre Grenzen stieß.

Sie hätte natürlich versuchen können zu vermitteln. Tat sie nicht. Anna nahm ihre Sachen und ging. Durch den Flur, vorbei am Wohnzimmer, vorbei an der roten Ledercouch, vorbei an der Harley und vorbei an der Bar. Hinter ihr wurde weiter gestritten. Der versprochene Drink fand nicht mehr statt.

Anna ging zu ihrem Auto, stieg ein und fuhr nach Hause. Die komplette Planung von Rolfs Wohnung fand ebenfalls nicht mehr statt.

Die Erstbesprechung allerdings schon. Und die stellte Anna ganz normal in Rechnung. Schließlich hatte sie ihren Termin wahrgenommen, die Wohnung besichtigt und ihre Arbeit gemacht. Dass währenddessen ein fremder Lippenstift auftauchte, lag nun wirklich nicht in ihrem Verantwortungsbereich.

Wenn Anna später an diesen Auftrag dachte, musste sie trotzdem immer wieder schmunzeln. Nicht über Silvias Verletzung. Die war durchaus nachvollziehbar. Sondern darüber, wie unglaublich deutlich diese Wohnung eigentlich gewesen war.

Silvia hatte ihr eigenes Schlafzimmer aufwendig auf einen Mann ausgerichtet, der bei sich zu Hause nicht einmal einen zweiten Nachttisch hatte. Sie hatte einen großen Spiegel über ihr Bett hängen lassen, Platz geschaffen und sich Gedanken darüber gemacht, wie sie für Rolf besonders attraktiv sein konnte.

Und Rolf? Der hatte eine Harley in der Diele. Eine Bar. Eine rote Ledercouch. Einen riesigen Fernseher. Ein Ankleidezimmer ausschließlich für sich. Ein 1,40-Meter-Bett. Einen Nachttisch. Eine Zahnbürste. Ein Handtuch. Und offenbar einen Lippenstift, der ihm nicht gehörte.

Man hätte an dieser Wohnung durchaus einiges verändern können. Das Badezimmer sowieso. Vielleicht auch etwas weniger Feuer-Energie im Wohnzimmer, andere Materialien und etwas mehr Ausgleich. Man hätte ein größeres Bett empfehlen können, zwei Nachttische, zwei Leuchten, mehr Platz im Kleiderschrank und vielleicht sogar zwei Handtuchhalter.

Aber genau darin lag die eigentliche Erkenntnis dieses Auftrags: Aus zwei Nachttischen wird noch keine Beziehung.

Räume können zeigen, wie wir leben. Sie machen sichtbar, was uns wichtig ist, wofür wir Platz schaffen und wofür nicht. Und manchmal erzählen sie ziemlich deutlich etwas, das wir eigentlich längst wissen, aber nicht unbedingt wahrhaben möchten.

Rolf hatte nie behauptet, mit Silvia zusammenleben zu wollen. Er hatte auch nicht verschwiegen, dass es eine zweite Frau gab. Seine Wohnung passte dazu. Nicht besonders romantisch. Aber ziemlich eindeutig.

Vielleicht lag Silvias eigentliches Problem deshalb gar nicht in Rolfs Wohnung. Vielleicht hoffte sie, durch ihr eigenes Schlafzimmer und später durch Veränderungen bei ihm aus einer Situation etwas anderes machen zu können, als sie war.

Das allerdings kann auch die beste Raumgestaltung nicht leisten. Anna konnte Räume verändern. Aber nicht Rolf.

Wie es mit Silvia, Rolf und der anderen Frau nach diesem Nachmittag weiterging, entzieht sich leider Annas Kenntnis. Vielleicht ist das auch ganz gut so.

DIE RAUMAKTE IN KÜRZE

Der Auftrag:
Silvia hatte ihre eigene Wohnung bereits von Anna gestalten lassen. Anschließend schenkte sie ihrem Geliebten Rolf eine Erstberatung. Daraus sollte anschließend die komplette Planung und Gestaltung seiner Wohnung entstehen.

Silvias Schlafzimmer:
Ein riesiger Spiegel über dem Bett gehörte ausdrücklich zu ihren Wünschen. Weil eine solche große Spiegelfläche im Schlafbereich aus Feng-Shui-Sicht kontraproduktiv ist, empfahl Anna einen Stoffroller davor. So konnte der Spiegel bei Bedarf genutzt und anschließend wieder verdeckt werden.

Rolfs Wohnung:
Harley und Bar in der großen Diele, rote Ledercouch, riesiger Fernseher, rote Dreiecke an der Wand und insgesamt reichlich Yangenergie. Auffällig war gleichzeitig, wie sauber, ordentlich und gepflegt die gesamte Wohnung war.

Was Anna bemerkte:
Ein 1,40-Meter-Bett, ein Nachttisch, ein Ankleidezimmer ausschließlich für Rolf, eine Zahnbürste und ein Handtuch. Die Wohnung wirkte nicht unfertig. Sie war vollständig auf genau einen Bewohner eingerichtet.

Was fehlte:
Eigentlich nichts. Zumindest nicht für Rolf.

Der Wendepunkt:
Im noch nicht renovierten Badezimmer entdeckt Silvia einen Lippenstift der anderen Frau. Aus der Wohnberatung wird innerhalb weniger Sekunden ein heftiger Streit.

Annas Entscheidung:
Sie nimmt ihre Sachen und geht. Der zuvor versprochene Drink an Rolfs Bar fällt aus. Zur geplanten Gestaltung der Wohnung kommt es ebenfalls nicht mehr.

Raumakte No. 11. Morgen.
11/10/2026

Raumakte No. 11. Morgen.

BEATES TRAUM VON DER WALDESRUHESo hatte Beate Holder sich ihre Pension vorgestellt: freundlich, gepflegt und einladend. ...
09/10/2026

BEATES TRAUM VON DER WALDESRUHE

So hatte Beate Holder sich ihre Pension vorgestellt: freundlich, gepflegt und einladend. Ein Haus, das am Tag wieder Sonne bekommt und am Abend eine angenehme Wärme ausstrahlt.

Anna hätte diesen Traum umsetzen können. Die hohen Tannen wären ausgelichtet, das Grundstück geordnet und der Eingang klar erkennbar geworden. Ein geschwungener Weg hätte die Gäste zum Haus geführt, Blumen hätten die Balkone belebt und eine gute Außenbeleuchtung für Orientierung und einen einladenden Empfang gesorgt.

Auch die deutlichen Fehlbereiche des verwinkelten Gebäudes hätten sich durch die Gestaltung der Außenanlagen, Bepflanzung und Licht ausgleichen lassen. Die starke Yin-Dominanz, die das Anwesen so still, dunkel und zurückgezogen erscheinen ließ, wäre ausgeglichen worden. Licht, Bewegung, Klarheit und eine gut geführte Ankunft hätten der Pension die Yang-Energie gegeben, die ein Betrieb braucht.

Und natürlich hätte die Veränderung nicht an der Fassade aufgehört. Auch innen hätten die Zimmer, der Empfang, die Wege und die Aufenthaltsbereiche neu geordnet und gestaltet werden müssen.

Die Bilder zeigen deshalb nicht nur, wie schön die Waldesruhe hätte werden können. Sie zeigen auch, wie viel Arbeit dafür notwendig gewesen wäre. Beschädigte Balkone und Holzteile hätten erneuert, das verwitterte Holz aufgearbeitet und neu gestrichen werden müssen. Die Fassade hätte Ausbesserungen und einen neuen Anstrich gebraucht. Wege, Beleuchtung, Bepflanzung und der gesamte Eingangsbereich wären neu gestaltet worden. Mit ein paar Blumenkästen und etwas Farbe wäre es nicht getan gewesen.

Anna hätte aus der Waldesruhe wieder eine schöne und einladende Pension machen können. Fachlich wäre das für sie kein Problem gewesen. Es war Beates Traum.

Aber die Waldesruhe hätte wieder strahlen können, während Beate dafür weiter hätte funktionieren und schuften müssen. Und genau deshalb war die schönste mögliche Lösung nicht automatisch die richtige.

RAUMAKTE NR. 10SIE LEBTE DAS LEBEN DER ANDERENAls Anna die schmale Straße immer weiter in den Schwarzwald hineinfuhr, fr...
05/10/2026

RAUMAKTE NR. 10

SIE LEBTE DAS LEBEN DER ANDEREN

Als Anna die schmale Straße immer weiter in den Schwarzwald hineinfuhr, fragte sie sich irgendwann, ob sie die Abzweigung verpasst hatte. Ganz am Anfang der Straße hatte ein verwittertes Hinweisschild auf die Pension gestanden. Danach kam nichts mehr.

Keine weitere Beschilderung. Kein Hinweis an der nächsten Abzweigung. Kein Zeichen, das einem fremden Gast sagte: Hier geht es weiter.

Anna fuhr langsamer.

Für eine Pension war das schon der erste Punkt, der ihr nicht gefiel. Im Business Feng Shui begann die Wirkung eines Betriebes nicht erst an der Haustür. Ein Gast musste den Ort zunächst einmal finden. Der Weg sollte klar sein und ihm das Gefühl geben, dass er richtig war.

Hier begann der Aufenthalt mit Unsicherheit. Links und rechts standen hohe Tannen. Dicht, dunkel und so nah an der Straße, dass man kaum erkennen konnte, was sich dahinter verbarg.

Und dann stand es plötzlich da.

Kein kleines Schwarzwaldhaus, sondern ein großes, über Jahrzehnte gewachsenes Anwesen, das beinahe unvermittelt aus dem Wald auftauchte. Vor Anna lag zunächst das Pensionsgebäude. Es wirkte verwinkelt und deutlich größer, als sie erwartet hatte. Dass sich das Anwesen seitlich und nach hinten noch weiter fortsetzte, konnte sie von hier aus nur erahnen.

Eigentlich hätte die Lage wunderschön sein können.

Das Haus hatte Substanz. Es war kein Schrotthaufen und keine Ruine. Anna konnte sofort sehen, dass hier noch viel Potenzial steckte. Genau das war vermutlich das Problem. Die hohen Tannen standen dicht am Haus und nahmen ihm viel Tageslicht. Manche Fenster lagen selbst tagsüber so stark im Schatten, dass dahinter Licht brannte.

Nicht aus Gemütlichkeit. Sondern weil es innen schlicht zu dunkel war.

Schon der Bereich vor dem Haus wirkte ungepflegt. Sträucher ragten in die Wege hinein, vieles war über Jahre einfach weitergewachsen. Auch am Gebäude selbst war der Sanierungsstau sichtbar. Holzteile an den Balkonen waren verwittert und teilweise beschädigt. Einige Bereiche hätten längst instand gesetzt werden müssen.

Schon von außen wirkte der Baukörper unruhig. Offenbar war hier im Laufe der Jahrzehnte immer wieder angebaut und verändert worden. Für Anna wirkte das gesamte Anwesen deutlich yin-lastig. Still, dunkel, schwer und zurückgezogen. Eine Pension ist aber ein Betrieb. Hier sollen Menschen ankommen, sich orientieren, sich willkommen fühlen, ein und aus gehen. Dafür braucht es Yang: Licht, Aktivität, Klarheit und Bewegung.

Davon war hier kaum noch etwas zu spüren.

Nicht einmal der Name der Pension machte einen guten Eindruck. Er hing noch am Haus, aber zwei Buchstaben waren abgefallen. Am Fahnenmast hing eine alte Fahne, die vom Wetter so zerfleddert war, dass sie eher nach Aufgabe als nach Willkommen aussah.

Anna blieb einen Moment am Auto stehen.

Sie hatte noch keinen Fuß ins Haus gesetzt und wusste bereits: Wenn Frau Holder hier wirklich wieder eine funktionierende Pension daraus machen wollte, würde das kein kleines Renovierungsprojekt werden.

Frau Holder wartete vor der Tür. „Schön, dass Sie da sind. Ich habe Ihnen ja am Telefon schon erzählt, wir müssen hier einfach mal wieder etwas machen.“ Anna sah noch einmal zum Haus hinauf. „Sie möchten die Pension wieder auf Vordermann bringen?“

„Ja, genau. Sie ist eben in die Jahre gekommen. Und ich glaube, wenn wir hier ein paar Dinge mit Feng Shui verändern, könnte das auch wieder besser laufen.“ Frau Holder redete bereits, während sie Anna ins Haus führte. „Früher war hier richtig was los. Im Sommer sowieso. Und im Winter natürlich auch. Wir hatten Stammgäste, teilweise über Jahrzehnte. Manche sind jedes Jahr gekommen.“

Sie öffnete eine Tür. „Das hier ist unser Frühstücksraum.“ Anna blieb stehen.
Der Raum wirkte zusammengewürfelt. Tische standen dort, wo gerade Platz gewesen war. Ein Schrank mit Geschirr, ein kleiner Kühlschrank, ein Sideboard, Dekoration aus verschiedenen Jahrzehnten.

„Und wo kommen die Gäste an?“, fragte Anna. Frau Holder sah sie einen Moment verständnislos an. „Wie meinen Sie?“ „Wenn jemand neu anreist. Wo checkt er ein? Wo werden die Formalitäten erledigt?“

„Ach so. Meistens machen wir das hier irgendwie.“ Sie zeigte in Richtung Flur. „Oder ich gehe gleich mit aufs Zimmer.“ Anna nickte. Auch innen fehlte das, was draußen schon auffällig gewesen war: KLARHEIT.

Gäste- und Privatbereiche griffen ineinander. Flure, Treppen, Versprünge und Türen verbanden unterschiedlichste Bereiche miteinander. Über Jahrzehnte war angebaut, verändert und umgenutzt worden. Je länger Anna durch das Haus ging, desto deutlicher wurde: Hier musste man nicht einfach nur renovieren. Man müsste den gesamten Betrieb neu denken.

„Kommen Sie“, sagte Frau Holder irgendwann. „Wir gehen hoch zu mir. Dann können wir uns in Ruhe hinsetzen und ich erzähle Ihnen, was ich mir alles vorgestellt habe.“

Ihre privaten Räume befanden sich im Dachgeschoss. Auch hier war vieles in die Jahre gekommen, aber gepflegt. In der Küche stand eine Eckbank unter dem Fenster. Frau Holder stellte Kaffee auf den Tisch.

„Hier oben würde ich auch gerne einiges verändern. Der Tisch ist eigentlich viel zu klein. Wenn Freunde kommen, sitzen wir immer so gequetscht. Ich hätte gerne einen größeren Tisch. Vielleicht könnte man die Küche etwas öffnen. Und im Wohnzimmer müsste sowieso mal alles neu.“

Anna sah sich kurz um. „Wie oft haben Sie denn Besuch?“ „Früher oft.“ „Und heute?“ Frau Holder schwieg einen Moment. „Nicht mehr so viel.“ „Aber das liegt auch daran, dass hier nichts mehr richtig schön ist. Wenn wir das alles wieder herrichten würden, kämen bestimmt auch wieder mehr Leute. Früher war hier ständig jemand. Familie, Freunde, Gäste sowieso.“

„Wer lebt denn heute hier mit Ihnen?“ „Mein Sohn Sebastian wohnt noch hier.“ „Wie alt ist er?“ „Fünfunddreißig.“ Anna hob kurz den Blick vom Notizbuch. „Arbeitet er in der Pension mit?“ „Nein. Er hilft schon mal, wenn etwas ist. Aber er hat einen guten Job in der Nachbarstadt.“ „Und möchte er die Pension irgendwann übernehmen?“ Frau Holder schüttelte den Kopf. „Nein. Eigentlich nicht.“

Anna schrieb nichts dazu auf. Aber innerlich machte sie einen Haken.

Für Sebastian hielt Frau Holder die Pension jedenfalls nicht am Laufen. „Und Ihr Mann?“, fragte sie. „Der ist auch da.“ Frau Holder sagte es so, dass Anna sofort merkte, dass dieser Satz noch nicht vollständig war. „Auch hier oben?“ „Nein. Thomas hat unten ein Zimmer.“
„Ein Pensionszimmer?“ „Ja.“ Sie zog die Kaffeetasse etwas näher zu sich. „Wir leben eigentlich schon lange mehr oder weniger getrennt. Bestimmt zehn Jahre. Er schläft unten.“

Anna ließ einen Moment verstreichen. „Und trotzdem möchten Sie hier oben wieder einen großen Tisch für die Familie?“ „Ja. Ich denke halt, wenn man es wieder schöner macht, dann ändert sich vielleicht auch manches.“

Frau Holder erzählte weiter. Von früheren Freunden und gemeinsamen Bekannten, von Menschen, die irgendwann nicht mehr gekommen waren. „Thomas hat viele vergrault. Der kann schon schwierig sein.“ „Und diese Freunde, für die Sie den großen Tisch möchten? Sind das dieselben?“ Frau Holder sah sie an. „Sie fragen schon ziemlich direkt.“ „Sie haben gesagt, ich darf offen fragen.“ „Ja. Dürfen Sie auch.“

Dann sagte sie fast nebenbei: „Eigentlich interessiert Thomas sich sowieso für nichts mehr. Der sitzt meistens unten in seinem Zimmer.“ Eine kurze Pause. „Und schaut Pornos.“ Anna legte den Stift hin. „Und Sie führen die Pension praktisch allein?“ „Ja. Im Grunde mache ich das meiste.“

„Wie viele Feriengäste haben Sie aktuell?“ Frau Holder winkte ab. „Das ist nicht mehr wie früher. Meistens sind es Saisonarbeiter. Die suchen eine günstige Möglichkeit, ein paar Wochen hier zu wohnen.“ „Frühstücken die unten?“ „Nicht unbedingt. Viele essen auf dem Zimmer.“ In einem der Gästezimmer hatte Anna deutlich gerochen, dass dort regelmäßig geraucht wurde.

„Und trotzdem möchten Sie wieder eine richtige Ferienpension daraus machen?“ „Ja. So wie früher eben.“

Wie früher. Dieser Satz fiel an diesem Vormittag auffallend oft.

„Seit wann gehört die Pension eigentlich Ihrer Familie?“ Damit hatte Anna etwas ausgelöst. Frau Holders Urgroßeltern hatten angefangen. Später hatten die Großeltern und dann die Eltern übernommen. Dann sie selbst. Die Pension war immer da gewesen. Genau wie die Arbeit. „Meine Oma hat sich hier totgeschafft“, sagte Frau Holder irgendwann. „Die war eigentlich noch viel zu jung, als sie gestorben ist.“ Auch ihre Mutter hatte fast nur gearbeitet. Urlaub sei kein Thema gewesen. Es habe schließlich immer etwas zu tun gegeben. Gäste. Frühstück. Wäsche. Zimmer. Garten. Reparaturen.

„Und bei Ihnen?“, fragte Anna. „Was meinen Sie?“ „Wann waren Sie zuletzt richtig im Urlaub?“ Frau Holder überlegte lange. „Ich wollte immer mal eine Kreuzfahrt machen.“ „Das war nicht meine Frage.“ Jetzt musste sie lachen. „Nein. Ich weiß.“ „Also?“ „Ewig her.“

Dann erzählte sie von dieser Kreuzfahrt. Von Häfen, die sie gerne sehen würde. Davon, morgens aufzustehen und einmal nichts vorbereiten zu müssen. Kein Frühstück. Keine Betten. Keine Gäste, die etwas wollten. Während sie davon sprach, veränderte sich ihr Gesicht. Zum ersten Mal an diesem Vormittag erzählte Frau Holder nicht davon, was sie für andere tun wollte. Sie erzählte davon, was sie selbst gerne machen würde.

Später ließ Anna sich auch Sebastians Räume zeigen. Als sie die erste Tür öffnete, musste sie sich beherrschen, nicht sofort etwas zu sagen. Die beiden Zimmer wirkten weniger wie die Räume eines 35-jährigen Mannes als wie ein Jugendzimmer, das irgendwann einfach stehen geblieben war. „Er findet halt keine richtige Freundin“, sagte Frau Holder. Anna drehte sich langsam im Raum um. „Darf ich jetzt wieder sehr offen sein? Wenn ich als Frau hier hereinkommen würde, ohne Ihren Sohn überhaupt zu kennen, würde ich schreiend wieder rauslaufen.“

Frau Holder starrte sie kurz an und musste dann lachen. „So schlimm?“ „Ja. Hier sieht nichts danach aus, als würde ein erwachsener Mann mit einem eigenen Leben wohnen. Hier wohnt immer noch der Sohn bei seinen Eltern.“

Auf dem Weg zurück kam ihnen auf halber Treppe ein Mann entgegen. Frau Holder blieb stehen. „Das ist übrigens Thomas.“ Er trug ein verwaschenes T-Shirt und eine Jogginghose. Der Geruch nach kaltem Rauch war schon da, bevor er richtig bei ihnen angekommen war. Dazu kam Alkohol. Und Anna hatte nicht den Eindruck, dass Körperpflege an diesem Vormittag für Thomas eine besondere Rolle gespielt hatte.

Er sah sie kurz an. „Wer ist das?“ „Das ist Frau Falk. Wegen der Pension.“ „Ach so.“ „Wir wollen doch ein bisschen was verändern“, erklärte Frau Holder. „Dass es wieder schöner wird. Frau Falk schaut sich jetzt alles an.“ Thomas zuckte mit den Schultern. „Mach halt.“
Anna sah ihn an. „Sie führen die Pension gemeinsam?“ „Sie macht das.“ Er deutete mit dem Kopf auf seine Frau. „Und Sie?“ „Was soll ich machen?“

Frau Holder sprang sofort ein. „Thomas geht es gesundheitlich auch nicht immer so gut.“ Er sagte nichts dazu. Dann ging er weiter. Frau Holder wartete, bis er verschwunden war. „Er ist nicht immer so.“

Anna antwortete nicht. Zurück auf der Eckbank zog sie ihre Unterlagen noch einmal zu sich.
„Frau Holder, ich möchte jetzt einmal ganz nüchtern mit Ihnen durchgehen, über welche Größenordnung wir hier eigentlich sprechen.“ Frau Holder nickte. „Genau deshalb habe ich Sie ja geholt.“

„Wenn ich dieses Anwesen seriös auswerte, reden wir über alles, was ich heute gesehen habe, innen wie außen, privat wie gewerblich. Dazu kommen die Anbauten und Fehlbereiche, die sich auf den Plänen zeigen.“ Anna sah auf die Unterlagen. „Allein diese Auswertung würde mindestens 12.000 Euro kosten.“ Frau Holder wurde still. „Zwölftausend?“ „Mindestens. Und dann ist noch nichts umgebaut.“ „Und was käme danach?“

„Das kann ich Ihnen heute nicht exakt berechnen. Dafür müsste vieles erst handwerklich geprüft werden. Aber jetzt kenne ich auch den Rest des Grundstücks: die Nebengebäude, den alten Stall, die Garage, die Außenanlagen, den Schwimmteich und den Zustand der Balkone. Zusammen mit den notwendigen Arbeiten im Haus sehe ich 150.000 Euro sehr schnell erreicht. Und 200.000 Euro würden mich bei diesem Anwesen nicht überraschen.“

Frau Holder sah auf den Tisch. Dann sagte sie: „Wir könnten noch eine Hypothek aufnehmen.“

Anna sah sie an. Genau in diesem Moment wusste sie, dass sie diesen Auftrag nicht annehmen würde. „Frau Holder, warum wollen Sie noch einmal so viel Geld in die Hand nehmen, damit Sie anschließend genau das Leben weiterführen können, von dem Sie mir seit Stunden erzählen, wie sehr es Sie erschöpft?“

Frau Holder antwortete nicht. „Und wollen Sie vorher noch eine umfangreiche Auswertung bezahlen, damit ich Ihnen im Detail aufzeige, was Sie alles verändern müssten?“ „Die Pension muss ja weitergehen.“ „Warum?“ Frau Holder sah sie an. „Na ja, weil …“ Sie suchte nach einer Antwort. „Weil sie immer weitergegangen ist.“

Anna ließ den Satz einen Moment stehen. „Ihre Großmutter hat sich hier aufgearbeitet. Ihre Mutter hat fast nur gearbeitet. Ihr Sohn wird die Pension nicht übernehmen. Ihr Mann beteiligt sich kaum. Sie selbst erzählen mir von Rückenschmerzen, Kopfschmerzen und Problemen mit Ihren Gelenken und davon, dass finanziell kaum etwas hängen bleibt.“
Frau Holder schaute aus dem Fenster. „So schlimm ist es nun auch wieder nicht.“ „Doch. Ich glaube schon.“ Anna sprach ruhig weiter. „Und trotzdem überlegen Sie gerade, noch mehr Geld in dieses riesige Anwesen zu stecken.“ Sie wartete kurz.

„Für wen eigentlich?“ „Für mich.“ Anna sah sie nur an. „Ja gut“, sagte Frau Holder leiser. „Auch für die Familie.“ „Welche Familie?“ Jetzt wurde es unangenehm. Aber Frau Holder hatte ihr erlaubt, offen zu sprechen.

Eine Weile sagte keine von beiden etwas. Dann fragte Anna: „Haben Sie eigentlich schon einmal darüber nachgedacht, das alles zu verkaufen?“
Frau Holder sah sie an, als hätte Anna vorgeschlagen, den halben Schwarzwald abzuholzen.

„Nein.“ „Noch nie?“ „Nein.“ „Warum nicht?“ „Weil das doch meine Pension ist.“ „Oder ist es die Pension Ihrer Familie und inzwischen eine Aufgabe, von der Sie glauben, dass Sie sie weiterführen müssen?“ Frau Holder schwieg. „Sie wollen mir jetzt sagen, ich soll alles verkaufen?“ „Nein. Ich möchte, dass Sie sich diese Möglichkeit wenigstens einmal erlauben zu denken.“

Frau Holder stand auf und ging zum Fenster. „Und dann?“ „Dann könnten Sie sich eine Wohnung suchen, die Sie allein gut bewältigen können.“ „Und Thomas?“ „Das müssten Sie mit Ihrem Mann klären.“ „Und Sebastian?“ Anna sah sie an. „Sebastian ist fünfunddreißig, Frau Holder.“ „Sie haben für alles eine Antwort.“

„Nein. Überhaupt nicht. Aber ich sehe ziemlich deutlich, dass eine neue Tapete Ihr Problem nicht lösen wird.“ Wieder Ruhe. „Und Sie würden mir jetzt gar keine Auswertung machen?“
Da war die Frage. Anna hätte diesen Auftrag annehmen können. Und sie war ziemlich sicher, dass Frau Holder ihn ihr geben würde. Anna schüttelte den Kopf. „Nein.“ „Warum nicht?“

„Weil ich Ihnen eine Auswertung verkaufen würde, von der ich heute schon glaube, dass sie Ihnen nicht hilft.“ „Aber dafür sind Sie doch hergekommen.“ „Ja.“ Anna schob ihre Unterlagen zusammen. „Deshalb berechne ich Ihnen die Anfahrt und die Zeit, die ich heute hier war. Mehr nicht.“

Frau Holder sah sie fassungslos an. „Sie gehen jetzt einfach?“ „Ja. Ich breche hier ab.“ Anna nahm ihre Tasche. „Nicht, weil man aus diesem Haus nichts mehr machen könnte. Im Gegenteil. Aber bevor Sie noch einmal so viel Geld und Kraft hineinstecken, sollten Sie sich eine andere Frage beantworten.“ „Welche?“ „Ob Sie dieses Leben überhaupt noch weiterführen wollen?“

Frau Holder begleitete Anna bis zur Haustür. Draußen war es inzwischen dunkler geworden, obwohl es erst früher Nachmittag war. Auf der Treppe blieb Frau Holder stehen. „Sie meinen das wirklich ernst, oder?“ „Ja.“ „Mit dem Verkaufen.“ „Mit dem Nachdenken darüber.“ Frau Holder sah zum Haus hinauf. „Das gehört halt schon immer zu uns.“ Anna folgte ihrem Blick. „Das heißt aber nicht, dass es bis zum Schluss zu Ihnen gehören muss.“

Dann ging sie zum Auto. Bevor Anna einstieg, sah sie noch einmal zurück. Auf das riesige Haus zwischen den Tannen. Und auf Frau Holder, die immer noch am Eingang stand.

2 Jahre später fiel Anna beim Frühstück eine Todesanzeige in der Zeitung auf. Thomas Holder. Sofort war die Pension wieder da. Das Haus zwischen den Tannen. Die fehlenden Buchstaben am Schriftzug. Die zerfledderte Fahne. Frau Holder auf der Eckbank. Und dieser eine Satz: „Wir könnten noch eine Hypothek aufnehmen.“

Ein gutes Jahr nach Annas Besuch war die Pension verkauft worden. Frau Holder lebte in Scheidung und war in eine kleinere Wohnung gezogen. Sebastian hatte sich etwas Eigenes suchen müssen. Einige Monate später lag eine Postkarte in Annas Briefkasten. Vorne das Meer. Hinten nur: „Liebe Frau Falk, ich wollte Ihnen nur sagen, dass ich meine Kreuzfahrt gemacht habe. Viele Grüße Beate Holder“

Anna hatte die Karte lange aufgehoben.

An diesem Tag hatte sie Frau Holder keine Feng-Shui-Auswertung verkauft, obwohl es genug auszuwerten gegeben hätte. Vielleicht war genau das die wichtigste Entscheidung dieser Beratung gewesen. Nicht noch einmal Geld in ein Anwesen zu stecken, das längst mehr Kraft nahm, als es zurückgab.

Und nicht weiter ein Leben zu führen, das eigentlich schon lange das Leben der anderen war.

DIE RAUMAKTE IN KÜRZE

Problem:
Frau Holder wollte die seit Generationen in ihrer Familie geführte Pension wieder zu altem Glanz bringen. Sie hoffte, mit Feng Shui, Renovierungen und einer neuen Gestaltung wieder mehr Feriengäste anzuziehen.

Auffällig:
Das Anwesen war deutlich yin-lastig, schwer zu finden und über Jahrzehnte immer wieder erweitert worden. Gäste- und Privatbereiche griffen ineinander, es fehlte an einer klaren Struktur und der Sanierungsbedarf war erheblich. Gleichzeitig führte Frau Holder den Betrieb nahezu allein. Ihr Mann lebte seit Jahren getrennt von ihr in einem Pensionszimmer, ihr 35-jähriger Sohn hatte einen guten Job und wollte die Pension nicht übernehmen.

Lösung:
aus dem Anwesen wieder eine funktionierende Ferienpension zu machen, hätte Frau Holder sehr viel Geld und noch einmal enorme Kraft investieren müssen. Anna entschied sich deshalb gegen die umfangreiche Feng-Shui-Auswertung und stellte stattdessen die entscheidende Frage: Wollte Frau Holder dieses Leben überhaupt noch weiterführen?

Ergebnis:
Die Pension wurde verkauft. Frau Holder und ihr Mann ließen sich scheiden. Frau Holder zog in eine kleinere Wohnung, Sebastian musste sich etwas Eigenes suchen.

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